Interview mit Jürgen Seibold

Foto: Stefanie de Buhr

Lieber Jürgen,

Zunächst einmal vielen Dank, dass Du Dir die Zeit nimmst und mir zu einem kleinen Interview bereitstehst.

Das mache ich sehr gern. Gratulation übrigens vorneweg zu deiner schönen Bücherseite!

Vielen Dank. Anfang des Jahres ist ein neuer Cosy Crime über einen Buchhändler im Ermittlungsfieber unter dem Titel „Sherlock ist ausgeflogen“ erschienen. Magst Du etwas zum Inhalt erzählen?

In Remslingen, einer fiktiven Kreisstadt im Schwabenland, werden Haustiere entführt, die nach Krimifiguren benannt sind. Und als nach dem belgischen Schäferhund Poirot und der norwegischen Waldkatze Wisting auch noch der Gelbhaubenkakadu Sherlock spurlos verschwindet, sind auch die geheimen Talente von Buchhändler Robert Mondrian gefragt. Denn Sherlock gehört seinem Mitarbeiter Alfons, und obwohl niemand wissen soll, dass Robert früher Top-Agent von Deutschlands geheimstem Geheimdienst war, greift er der Polizei gern mal tatkräftig unter die Arme. Zumal bald auch das Herrchen von Poirot ermordet wird – und damit womöglich auch Alfons in Lebensgefahr schwebt.

Vor kurzem erschien eine weihnachtliche Kurzgeschichtensammlung von Dir, was schreibst Du lieber – Cosy Crime oder Kurzgeschichten?

Ich mag beides, weil mir das Schreiben eines Romans viel Zeit und Raum auch für Nebenhandlungen und -figuren lässt – während ich in Kurzkrimis sehr schnell auf den Punkt kommen muss. Dafür darf ein Kurzkrimi aber auch mal mitten in eine Geschichte reinspringen und sie verlassen, bevor sie in einem Roman abgeschlossen enden würde. Außerdem gibt es Ideen für Krimis, die wunderbar zu einem Text mit vier, zehn oder zwanzig Seiten passen – aber keinen ganzen Roman tragen würden.

Woher kommen die Ideen für Deine Krimis?

Das frage ich mich manchmal auch. Ab und zu ist es zwar schnöde Nachdenkarbeit, aber meistens kommt mir aus heiterem Himmel eine „schöne“ Tatwaffe oder ein verzwicktes Szenario in den Sinn, ein origineller Schauplatz oder eine besondere Konstellation von Romanfiguren – und dann dreht sich auch schon das Gedankenkarussell. Nach den ersten Ideen geht es dann darum, wie sich das in eine gute Form bringen lässt, wie die einzelnen Personen miteinander agieren, wie das Verbrechen abläuft und wer wodurch verdächtig werden könnte. Währenddessen schreibe ich aber in der Regel schon los und bin manchmal selbst gespannt, wo mich die Geschichte hinführt.

Wie sehen Deine Recherchearbeiten aus? Läufst du die Wege Deiner Protagonisten ab?

Das mache ich tatsächlich, vielleicht eine Nachwirkung meiner Ausbildung als Journalist. Gerade in Krimis, die an konkreten Orten oder in einer realen Region spielen, kommt es auf viele Details an. Wenn ich etwa meinen Kommissar von A nach B fahren und nach zwanzig Minuten ankommen lasse, wie es Google Maps berechnet, lacht die ganze Gegend – weil das in der Rush-Hour keiner unter einer Stunde schafft. Außerdem finde ich es selbst spannend, wie solche Orte aussehen, riechen, wie dort der Wind weht oder was alles zu hören ist.

Du hast nicht nur eine Reihe am Start, sondern gleich mehrere (Endlich-Krimis, Lindner-Krimis, Bestatter-Krimis, Buchhändler-Krimis, ..). Fällt es Dir schwer, da den Überblick zu behalten oder schaut auch mal der eine Protagonist in einer anderen Reihe vorbei?

Diese Gastauftritte gibt es wirklich, zum Beispiel lasse ich einen der Kommissare aus der Endlich-Reihe zusammen mit Bestatter Froelich Straßenmusik machen. Aber in der Regel trenne ich schon zwischen den einzelnen Serien – die ernsten Krimis um Apothekerin Maja Ursinus lassen sich auch schlecht mit den eher lustigen Buchhändler-Mondrian-Büchern verbinden. Und damit ich nichts durcheinanderbringe, schreibe ich für alle in meinen Krimis auftretenden Personen bis hinunter zu den kleinsten Nebenrollen kürzere oder längere Lebensgeschichten, Beschreibung von Figur, Frisur, Marotten usw inklusive.

Hast du Rituale beim Schreiben? Wie sieht ein ganz normaler Tag bei Dir aus?

Rituale habe ich nicht wirklich – aber erst mal wird Kaffee gekocht, und zu bestimmten Serien höre ich gern bestimmte Musik. Zu den Allgäukrimis zum Beispiel Hardrock von Aerosmith, zu den Buchhändler-Mondrian-Krimis meistens ein Album eines amerikanischen Folkrockers, den in Deutschland kaum einer kennt: Shawn Mullins. Und wie ein normaler Tag aussieht? Ich stehe gegen sieben Uhr morgens auf, sortiere das Nötigste und schreibe dann durch bis gegen dreizehn Uhr. Nach einer Pause geht’s an die Organisation von Lesungen, es entstehen Plots für neue Geschichten oder Ideen für Theaterstücke, und es wird alles erledigt, was dringend ist, aber nicht so angenehm. Na ja, das ist jedenfalls der Plan – in Wirklichkeit sitze ich oft abends am Schreibtisch und frage mich, warum das alles heute doch wieder nicht so gut geklappt hat.

Was ist bis jetzt der schönste Moment in Deiner bisherigen Zeit als Autor gewesen?

So abgegriffen es vielleicht klingt, aber es ist immer wieder toll, wenn ich ein neues Buch zum ersten Mal in der Hand halte – und danach auch in den Schaufenstern der Buchhandlungen sehe. Schön sind viele Erlebnisse während meiner Recherchen und in Lesungen, aber besonders geschmeichelt hat mir mal der Brief eines Lesers, der nach meinem ersten Allgäukrimi „Rosskur“ wissen wollte, wo genau im Allgäu ich wohne – denn als Auswärtiger könne ich niemals alles wissen, was ich im Krimi beschrieben habe. Das ging mir als Autor aus der Stuttgarter Gegend natürlich runter wie Öl.

Und zu guter Letzt: An was arbeitest Du gerade?

Das ist eine ganze Menge. Vor allem schreibe ich derzeit den fünften Fall für Buchhändler Robert Mondrian, der Krimi soll im Herbst 2024 erscheinen. Nebenbei entwickle ich Ideen für neue Theaterstücke, verfolge ein Drehbuchprojekt und schreibe Songs, die ich mit befreundeten Musikern aufnehme. Allzu langweilig wird es mir in den nächsten Monaten also eher nicht werden.

Lieber Jürgen, vielen Dank für Deine Zeit und das interessante Interview.

Jürgen Seibold

Jürgen Seibold, geboren 1960 in Stuttgart, arbeitete als Redakteur und freier Journalist. 1989 veröffentlichte der SPIEGEL-Bestsellerautor seine erste Musikerbiografie. Es folgten weitere Sachbücher, Theaterstücke, Thriller, Komödien und Kriminalromane. Mit seiner Familie lebt Jürgen Seibold im Rems-Murr-Kreis.

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